Wenn Kranksein ein Makel wird.                    Über Würde, Arbeit und die leise Gewalt des Funktionierens


Es gibt Arbeitsorte, an denen Kranksein nicht einfach ein Zustand ist, sondern ein Makel.
Etwas, das man besser versteckt.
Etwas, wofür man sich rechtfertigt.
Etwas, das den eigenen Wert infrage stellt.
Ich beobachte seit einiger Zeit ein stilles Phänomen:
Menschen sind krank – wirklich krank – und kommen trotzdem nach zwei Tagen wieder zur Arbeit.
Nicht, weil sie gesund sind.
Sondern weil sie Angst haben.
Angst vor Blicken.
Angst vor Gerede.
Angst davor, als schwach zu gelten.
Angst davor, ersetzt zu werden.
Dabei sagt der Körper etwas ganz anderes.
Er bittet um Ruhe.
Um Zeit.
Um Heilung.


Doch in einem System, das Leistung über Menschlichkeit stellt, wird der Körper schnell zum Störfaktor.
Wenn Anwesenheit selbstverständlich wird


Das Paradoxe ist:
Selbst wenn man kommt, obwohl es einem schlecht geht, wird das nicht gesehen.
Es wird erwartet.
Als wäre es selbstverständlich, sich selbst zu übergehen.
Und wenn man krank ist?
Dann verändert sich der Ton.
Dann wird hinter dem Rücken gesprochen.
Dann schwingt etwas mit, das sehr weh tut:
Du bist weniger wert.
Nicht ausgesprochen.
Aber spürbar.
Diese Art von Umgang ist keine Kleinigkeit.
Sie frisst sich langsam ins Innere.
In das Selbstbild.
In die Beziehung zum eigenen Körper.
Die leise Gewalt des Funktionierens
Was hier passiert, ist keine offene Brutalität.
Es ist etwas Leiseres.
Etwas Normalisiertes.
Eine Kultur, in der man lernt:
– Ich darf nicht krank sein.
– Mein Körper ist unbequem.
– Ich muss funktionieren, egal wie es mir geht.
Das ist eine Form von struktureller Gewalt.
Nicht laut.
Nicht sichtbar.
Aber wirksam.
Sie führt zu Erschöpfung.
Zu chronischen Beschwerden.
Zu Burnout.
Zu innerer Kündigung.
Zu Schuldgefühlen, wenn man sich ausruht.


Und irgendwann glauben Menschen selbst, dass sie übertreiben.
Dass sie sich zusammenreißen müssten.
Dass ihr Körper ihnen im Weg steht.
Würde ist kein Bonus
Kranksein ist kein moralisches Versagen.
Es ist ein Teil des Menschseins.
Würde ist nichts, was man sich durch Leistung verdienen muss.
Sie ist kein Bonus für Belastbarkeit.
Sie ist kein Privileg für die Starken.
Würde ist die Basis.
Ein System, das Kranke abwertet, zeigt nicht Stärke.
Es zeigt Angst.
Und eine tiefe Entfremdung vom Menschlichen.


Ein leiser Kompass
Vielleicht tut es so weh, das zu sehen, weil es an die eigenen Werte rührt.
An Mitgefühl.
An Gerechtigkeit.
An das Wissen, dass Heilung Zeit braucht.
Manchmal ist dieses Unbehagen ein innerer Kompass.
Kein Ruf nach sofortiger Veränderung.
Aber ein klares inneres Nein.
Ein Nein zu Entwürdigung.
Ein Nein zu Selbstverleugnung.
Sanfte Wege, damit umzugehen
Es ist wichtig, eines vorwegzusagen:
Das hier ist kein Problem, das man einfach „wegatmen“ oder mit positiver Haltung lösen kann.


Aber es gibt Wege, sich innerlich zu schützen, ohne hart zu werden.


1. Das System ist nicht dein Wert
Erinnere dich immer wieder daran:
Was hier geschieht, sagt nichts über dich aus – sondern über die Struktur.
Ein stiller innerer Satz kann helfen:
Das ist eine entwürdigende Kultur. Ich bin nicht falsch, weil ich das spüre.


2. Emotionales Zurückgeben
Mitfühlende Menschen tragen oft mehr, als ihnen guttut.
Du darfst innerlich sagen:
Ich sehe das – und ich gebe es zurück.
Nicht aus Kälte.
Sondern aus Selbstschutz.


3. Erlaubnis zum Kranksein
In einem Umfeld, das Krankheit abwertet, ist Selbstmitgefühl ein leiser Akt von Würde.
Du darfst krank sein.
Müde.
Erschöpft.
Leer.
Ohne dich zu rechtfertigen – nicht einmal vor dir selbst.


4. Einen Gegenpol pflegen
Wenn der Arbeitsalltag unmenschlich ist, braucht die Seele einen Ort der Rückverbindung:
Schreiben.
Natur.
Körperwärme.
Ein Mensch, der zuhört.
Ohne diesen Gegenpol trocknet etwas im Inneren aus.


5. Das Unbehagen als Kompass
Du musst jetzt nichts verändern.
Nicht kämpfen.
Nicht kündigen.
Nicht erklären.
Aber du darfst dieses Gefühl ernst nehmen.
Es ist eine Information.
Ein inneres Nein.
Manchmal beginnt Würde genau dort.


Dieser Text gehört zu Mondwärts – einem Ort für leise Wahrheiten, Körperwissen und Menschlichkeit im Alltag.

Ihr seid nicht alleine mit diesen Gefühlen.
Solea Fontaine

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